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Dies & Das - Schillings virtuelle Rumpelkammer

Hier gibt's allerhand Unfug, den ich sonst noch ins "Netz" stellen zu müssen glaubte - klicken Sie schnell weiter, wenn Sie nicht der Tagedieb sind, der seine Zeit für solches verschwenden möchte!

 
Und hier, liebe Freunde und Bekannte, die ihr auf diese Seite nur geraten seit, weil man sich halt ab und zu mal einen Besuch abstattet, habe ich was speziell für euch eingerichtet: Klickst du hier auf's Bild und findest ein paar der vielen und künstlerisch unwerten Fotos, die bei unserem Tun und Lassen angefallen sind ...
 

Low Fidelity

Eine ausgezeichnete Möglichkeit zu unverfänglichen Selbstauskünften bieten popmusikalische Vorlieben! Und wie viele Stunden wertvollster Lebenszeit hat man nicht zugebracht in Clubs und Kaschemmen, den diesbezüglichen Bekehrungsfeldzügen wirkungsmächtiger Wort- und Rädelsführer ausgeliefert! Höchste Zeit, dass ich auch einmal notiere, was ich gerade so höre - wenn Sie auf diese Seite geraten sind, weil sie eh nix mit ihrem Leben anzufangen wissen, dann besorgen sie sich sofort die erwähnten Tonträger und hören sie dieselben erst mal für ein paar Tage rund um die Uhr an. Denn dann wären wir uns schon ein Stückchen näher gekommen ...

Schwafel!

Das da unten dient letztendlich nur meinem persönlichen Vergnügen am Geplauder. Und immerhin sind ja derzeit sogenannte Blogs en vogue - da denke ich mir, dass ich hier ja auch mal ganz unverfroren etwas von dem reinschreiben könnte, was mir nebenbei noch durchs Oberstübchen geistert und möglicherweise den zufälligen Besucher meiner Seiten zum Zeitvertreib dienen und zur Wiederkehr animieren könnte.


 

Dezember 2007

Da hat es doch dieses Jahr irgend so eine Umfrage gegeben, bei der die Leute den besten ersten Satz der deutschen Literatur wählen konnten und eine Mehrheit für "Ilsebill salzte nach" votierte - das ist angeblich (ich hab's nicht gelesen) der erste Satz des Romans "Der Butt" von G. Grass. War ja klar, dass sowas dabei herauskommt zu einer Zeit, in der viele Leute sich von ahnungslosen Trantüten wie Elke Heidenreich sagen lassen, was dolle Literatur sei. Vermutlich reichte hier einfach nur der schwerstaltmodische Frauenvorname, um irgendwie zeitgeschichtliche Bedeutsamkeiten zu suggerieren, umso mehr, wenn auch noch das Label "Nobelpreis" dran getackert ist ... jedenfalls überlege ich seither, welches meine Kandidaten für den besten ersten Satz wären, und nachdem ich daraufhin diverse Lieblingsromane und -erzählungen aufgeblättert habe, mußte ich zunächst einmal feststellen, dass wahrhaft Großes oft mit ganz unscheinbaren Sätzen beginnt, z.B. mit "Wir heißen Trotta" oder "Mein Vater war ein Kaufmann" oder "Es war spätabends, als K. ankam", jedoch auch "Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, das heißt, wir werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein" oder gar "Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnügtes Schulmeisterlein Wutz!" (... na, alles erkannt?). In einem aber trog mich meine Erinnerung nicht, nämlich dass im Vergleich mit dem mehrheitlich erwählten Satz des nobelpreisgekrönten und vermeintlich bedeutendsten, der tatsächlich größte deutschsprachige Autor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts praktisch in jedem seiner Werke wesentlich intressantere erste Sätze darbietet - zumindest für meinen Geschmack. Zum Beweis hier nur eine kleine, beispielhafte Auswahl:

"Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler."

Oder:

"Neunzehnhundertsiebenundsechszig legte mir auf der Baumgartnerhöhe eine der im dortigen Pavillon Hermann unermüdlich tätigen geistlichen Schwestern meine gerade erschienene Verstörung, die ich im Jahr vorher in Brüssel in der rue de la croix 60 geschrieben habe, auf das Bett, aber ich hatte nicht die Kraft, das Buch in die Hand zu nehmen, weil ich ein paar Minuten vorher erst aus einer mehrstündigen Narkose aufgewacht war, in die mich jene Ärtze versetzt hatten, die mir den Hals aufschnitten, um aus meinem Brustkorb einen faustgroßen Tumor herausoperieren zu können."

Oder:

"Eine Famulatur besteht ja nicht nur aus dem Zuschauen bei komplizierten Darmoperationen, aus Bauchfellaufschneiden, Lungenflügelzuklammern und Fußabsägen, sie besteht wirklich nicht nur aus Totenaugenzudrücken und aus Kinderherausziehen in die Welt."

Selbstverständlich kennt jede/r zufällige Leser/in dieser Seite diese Sätze und weiß, welche Romane sie jeweils einleiten. Falls nicht und Sie es aber unbedingt wissen wollen, dann fragen Sie mich einfach per e-mail!

Und noch einen ersten Satz sollte man bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lassen - mit ihm beginnt einer der "Fitz Kochers Aufsätze" von Robert Walser:

"Nichts wäre langweiliger, als wenn man nicht höflich zueinander wäre."


Dezember 2007

Zum Ende eines Tages hin, an dem man ausnahmsweise einmal sehr fleißig gewesen ist und diesen Fleiß in sogenannte Geistesarbeit hat münden lassen, kann es passieren, dass man noch irgendetwas sagen möchte, obwohl man längst zu müde ist, um Gescheites zu formulieren. Am besten sucht man sich dann jemanden zum gemeinsamen Biertrinken, der sich die Belanglosigkeiten anhört, die man allenfalls noch herauszuposaunen vermag. Was aber, wenn sich gerade kein solcher Geduldiger findet? Für diesen Fall könnte eine Privathomepage sehr nützen, auf der man bereits einen Platz für überflüssiges Geschwätz eingerichtet hat, welchen man aber eh nur selten befüllt und nun dazu nutzen kann, sich allmählich in den Schlaf zu labern. Beispielsweise kann sich ein zwar müder, aber noch nicht zur Ruhe gekommener Geist mit schlichtesten Aussagen beruhigen, die ansonsten eben wegen ihrer Schlichtheit nie gemacht werden, wiewohl sie doch elementare persönliche Wahrheiten beinhalten. Etwa die deutliche Benennung dessen, was man "schlicht Scheiße" findet. Wollte man solches auf der Privathomepage also aussagen, so hätte man lediglich noch zu bedenken, dass es einerseits zwar irrelevant ist, dass diese Aussage dann kaum jemanden interessieren dürfte, andererseits jedoch im Grunde alles Aussagen durch eine zumindest vage Hoffnung auf den Zuhörer getrieben ist. Deshalb erschiene es dann sinnvoll, nicht einfach wahllos drauflos zu bekunden, was man alles "schlicht Scheiße" findet - zumal für jeden halbwegs vernünftigen Menschen sich so ja eine schier endlose Auflistung ergeben müßte - sondern dabei auch möglichst noch eine Minderheitenposition zu vertreten. Man müßte also lauthals etwas "schlicht Scheiße" finden, das gemeinhin eher gemocht und geschätzt wird, so dass eine gute Chance besteht, dass einem zufällig auf die eigene Geschwätzhomepageseite Stoßenden und flüchtigen Blick auf diese Bekundung Werfenden dadurch noch jenes Quäntchen Dissenz und somit Erregung erzeugt wird, das ausreicht, sein Interesse zu wecken ... ich möchte das hier nun einmal, gewissermaßen exemplarisch bzw. paradigmatisch, durchexerzieren: Also zunächst einmal überlegen, was von dem Vielen, das ich "schlicht Scheiße" finde, von möglichst vielen Anderen gemocht wird ... und da ich hier rechts auf der Seite meine musikalischen Vorlieben ausbreite, liegt es nahe, dazu zunächst einmal meine diesbzüglichen Abneigungen in den Blick zunehmen ... und schon werde ich fündig: Eine Band, die von Vielen gemocht wird, und die ich schlicht Scheiße finde, ist ABBA! Jawoll, ABBA finde ich sehrsehrsehr - also dreimal sehr - Scheiße! Nehmt das, ABBA-Fans dieser Welt, die ihr in so großer Zahl existiert, dass es unter euch auch viele gibt, die guten Herzens und/oder wachen Verstandes sind: Dieser widerlich süße Popsirup hat euch die Gehörgänge verklebt, die Hirne überzuckert und die Geschmacksnerven abgetötet! ... Auch Queen finde ich übrigens schlicht Scheiße! ... Und, ha!, Janis Joplin, die finde ich mindestens genauso Scheiße, wie ABBA, wenn nicht sogar noch ein Quäntchen mehr! ... Aber das wird bereits wieder langweilig, das muss mun wirklich nicht hier aufgeschrieben werden und erweist sich jetzt, wo man's da oben lesen kann, schließlich als absolut uninteressant. Schlechter Einfall das! Na ja, dann geh ich nun wohl doch mal schlafen.


März 2007

Wenn man schon als Bub im frühesten Alter es sich angewöhnt hat, sein Heil in irgendwelchen niedergeschriebenen Geschichten zu suchen, dann kann es kaum noch anders werden: Man liest einfach immer weiter, liest so manches weg, bis man in die Grube fährt, liest Geschichten, die einen zu bislang ungeahnten Sehnsüchten oder Ansichten verleiten, und solche, die man nicht unbedingt gelesen haben müsste. Übrigens hätte einzig die Gymnasialbildung einen noch von diesem Zwang befreien können, nämlich durch die dort immerhin versuchte Einbleuung, dass das Ganze eine ernste Sache sei, die nur dann recht getan ist, wenn dabei der Schweiß schwerer Geistesarbeit vergossen wird. Bei mir hat das dann aber doch nicht gewirkt, obwohl ich mich bei all den Gedichtinterpretationen und sonstigem Scheiß, den man im Deutschunterricht so machen musste, immer redlichst angestrengt habe, und somit fluche ich bei jedem Umzug über die vielen Bücherkisten bzw. darüber, dass ich es irgendwie niemals über mich bringe, die vielen Schwarten, die ich mir irgendwann zur Lektüre angeschafft hat, nach selbiger wieder wegzuwerfen, so wie man es mit sonstigen Gebrauchsgegenständen auch macht. Nun habe ich aber neulich ein kleines "Leseprojekt" begonnen, für das diese Schwäche nun doch noch einen kleinen Nutzen zeitigt, nämlich ab und zu solche Bücher wieder zu lesen, die mir vor langer Zeit einmal einen besonders starken Eindruck gemacht haben: Mal sehen, ob das, was mir zu Zeiten, als mein Bild von der Welt noch - sagen wir - weniger detailgesättigt war, erhellend schien, mich auch heutzutage, wo mir nur noch das Ideal des "dirty old man" als persönliches Entwicklungsziel geblieben ist, die gute alte Begeisterung erzeugt, auf die man doch letztendlich immer wieder insgeheim hofft, wenn man irgendetwas anfängt, was man genausogut auch lassen könnte.

Mein erster Kandidat war Camus' "Der Fall". Ein Buch, das ich als Teenager sozusagen persönlich genommen habe, brachte ich es doch irgendwie fertig, die Selbstbezichtigungen des Anwalts Clamans auf mich zu beziehen und meine damals gerade erst frisch erblühten Anwandlungen zu idealistischem Gutmenschentum unter den Gesichtspunkten der Selbstgerechtigkeit und Heuchelei bzw. des daraus resultierenden persönlichen Gewinns zu betrachten. Doch doch, ob man's glaubt oder nicht: Hab das damals ein paar Wochen lang richtig ernst genommen ... und heutzutage? Nun ja, ähem ... das haut mich halt nicht mehr vom Hocker. Fast schäme ich mich, die Langeweile zuzugeben, die ich beim Wiederlesen empfand. Aber eigentlich war's zu erwarten: Der Eindruck, den das Buch mir einmal gemacht hatte, bestand sozusagen in einer neuen Sichtweise, die es mir damals zeigte - und seither kenne ich die. Was also hätte mich darüber hinaus jetzt noch beeindrucken sollen? Vermutlich irgendetwas, das damit zu tun hat, wie das gesagt wird ... ich kleiner unbedeutender Wicht möchte hier nicht mit meinem launigen Geplauder den großen Camus schänden, aber es ist halt so, dass ich solches nicht erkannt habe.

Nächster Kandidat: Kafkas "Amerika". Ich erinnerte mich kaum noch an das Buch, sondern nur noch ungefähr daran, dass ich das, vielleicht noch zu früh als Mittelstufengymnasiast, in einem Zug runtergelesen habe, irgendwie schwerst beeindruckt und noch nicht so ganz verstehend, was das soll bzw. warum mir das überhaupt so sehr gefiel. Danach habe ich dann die anderen beiden Kafka-Romane gelesen, und bei denen hätte ich meine Begeisterung dann auch in Worte fassen können, so wie mir ihr Inhalt bis heute klar im Gedächtnis geblieben ist (insbesondere das "Schloß" ist seither ganz fest in der Liste meiner Lieblingsromane notiert und würde in mein "Wiederleseprojekt" gar nicht passen, weil ich's eh schon längst wiedergelesen habe). Bei "Amerika" also wußte ich nicht mehr so recht ... und nun also: Ich lag auf den Knien! Ließe sich das, was da ezählt wird, in noch eindringlicheren Bildern erzählen? Und wie lange hab ich nichts mehr derart Großartiges gelesen! Wenn man will, dann kann man in "Amerika" das allerernsteste Thema erkennen: Eine Geschichte über den Kampf eines in eine fremde Welt Hineingestossenen um seinen Platz darin. Den er hier niemals endgültig gewinnt - und zwar im Grunde nicht deswegen, weil er etwas falsch macht, sondern weil es eigentlich die festen Regeln gar nicht gibt, nach denen er es sicher richtig machen könnte. Und doch enthält das, wie ich finde, in allen Wendungen der Geschichte einen durchaus spassigen Aspekt, wenn ich das mal so schwammig sagen darf ... ja: Wieso fällt eigentlich im Zusammenhang mit Kafka selten der Begriff "Spaß"? Das ist doch auch lustig - oder etwa nicht?

Soviel vorerst zu meinem Wiederleseprojekt. Was nehme ich mir als nächstes vor? Lust hätte ich auf "Die Kapuzinergruft" von Joseph Roth - damit würde ich es mir allerdings etwas leicht machen, denn alles von Joseph Roth ist mir ein sicherer Stimulus für uneingeschränkte Begeisterung ... Aber mal abgesehen davon: Wozu mußte ich das hier überhaupt erzählen? Wer will's wissen? Vermutlich niemand! So bin ich halt auch mal wieder nur ein eitler Schwätzer gewesen, der gerne hin und wieder seinen Geschmack zur Schau stellt, obwohl sein Verstand ihm doch sagt, dass es völlig wurscht ist, ob er solches tut, oder unterläßt.


irgendwann 2003

Fundstück: Finnland ...

... in dem auch insgesamt sehr spassigen Roman "Der wunderbare Massenselbstmord" von Arto Paasilinna (edition Lübbe, 2002) findet sich der folgende Sermon über Finnland, der hoffentlich nicht nur mir große Heiterkeit erzeugt. So sieht's aus - in Finnland (!):

... Im rot glühenden Schein der Mitternachtssonne entspann sich unter den Selbstmördern ein Gespräch über das Vaterland, das sie hinter sich gelassen hatten. Sie vermissten Finnland nicht besonders, denn es hatte seine Kinder schlecht behandelt.

Die Reisenden waren sich einig, dass die finnische Gesellschaft knallhart war. Es herrschten raue Sitten. Die Finnen waren grausam zueinander und von gegenseitigem Neid verzehrt. Habgier war allgemein verbreitet, verbissen wurde Geld gerafft. Die Finnen waren missgünstig und finster. Wenn sie lachten, dann weniger aus Freude als vielmehr aus Schadenfreude. Groß war die Anzahl der Betrüger, Falschspieler, Lügner. Die Reichen beuteten die Armen aus, ließen sie schwindelerregende Mieten zahlen und pressten ihnen horrende Zinsen ab. Die Armen randalierten und schlugen alles kaputt, und sie erzogen auch ihre Kinder nicht zu besseren Menschen, denn diese waren eine regelrechte Landplage, sie beschmierten Häuser und Gegenstände, Züge und Autos, zerschmissen Fenster, kotzten die Fahrstühle voll und verrichteten ihre Notdurft darin. Finnlands beamtete Herren erdachten um die Wette neue Antragsformulare, um das Volk zu demütigen und es zu zwingen, von Schalter zu Schalter zu rennen. Die Einzel- und Großhändler zogen den armen Leuten auch noch die letzten Groschen aus der Tasche. Die Spekulanten bauten die teuersten Wohnungen der Welt. Wurde man krank, behandelten einen hochmütige Ärzte wie einen alten Gaul, der geschlachtet werden sollte. Ertrug man all das nicht und bekam einen Nervenzusammenbruch, steckten einen rüde Pfleger in der Nervenklink in die Zwangsjacke und jagten einem eine Spritze in die Adern, die einem auch noch die letzten Gedanken trübte.

Im lieben Heimatland beuteten Industriekonzerne und Waldbesitzer unbekümmert das Nationaleigentum aus, und was übrig blieb, fraßen die Borkenkäfer kahl. Vom Himmel regnete es bittere Säure, die den Boden vergiftete und unfruchtbar machte. Die Landwirte bestreuten ihre Felder so dick mit Dünger, dass in den Flüssen, Seen und Meeresbuchten giftige Algen wucherten. Aus den Schornsteinen und Abflussrohren der Fabriken rieselte Schmutz in die Augen der Menschen und in die öffentlichen Gewässer. Die Fische starben, und aus den Eiern der Vögel schälten sich klägliche Frühgeburten. Auf den Landstraßen tobten sich dummdreiste Tempoidioten aus, mit deren unglücklichen Opfern sich die Friedhöfe und Intensivstationen der Krankenhäuser füllten.

In den Fabriken und Büros wurden die Beschäftigten gezwungen, mit Maschinen um die Wette zu arbeiten, und wenn der Mensch ermüdete, wurde er aussortiert. Die Vorgesetzten verlangten ununterbrochene Leistungsfähigkeit, demütigten und erniedrigten ihre Untergebenen. Die Frauen wurden bedrängt, immer fand sich ein selbstgefälliger Kerl, der es für sein Recht hielt, ihnen an den Hintern zu grapschen, der ohnehin schon von Cellulite geplagt war. Die Männer standen unter dem Zwang, permanent Kompetenz zeigen zu müssen, wovon sie sich nicht einmal während ihres kurzen Urlaubs befreien konnten. Fiese Arbeitskollegen belauerten einer den anderen und mobbten die Schwächeren an den Rand des Nervenzusammenbrchs und noch weiter.

Wenn man trank, ruinierte man sich die Leber und die Bauchspeicheldrüse. Wenn man anständig aß, stiegen die Cholesterinwerte des Blutes. Wenn man rauchte, nistete sich in der Lunge der tödliche Krebs ein. Was man auch tat, immer war es verkehrt. Manch einer joggte, was das Zeug hielt, und brach vor Überanstrengung auf dem Pfad zusammen. Wer nicht lief, nahm von den Fetten in der Nahrung zu und bekam Gelenkschäden und Rückenprobleme und starb schließlich an Herzschlag.


 

Butthole Surfers:

Weird Revolution

Es ist Heiligabend und ich höre unpassenderweise diese CD, die ich kürzlich eher zufällig und nebenbei gekauft habe, als ich mir endlich die im Sommer neu erschienene Shellac-Platte holen ging (die übrigens zwar auf jeden Fall anhörenswert ist, aber m.E. nicht den Höhepunkt des Alibini'schen Gesamtwerks markiert ...). Habe ich da oben "unpassenderweise" geschrieben? Man könnte auch das Gegenteil behaupten, denn die Butthole Surfers, die möglicherweise auf allen ihren Tonträgern (die ich ja nur teilweise kenne), verläßlich eine solide Portion Durchgeknalltheit darbieten, eignen sich mit eben dieser bestens für eine kurze Flucht aus weihnachtlichen Besinnlichkeiten bzw. Gefühlsduseleien, denen man während dieser Tage sich unvermeidbar ausgesetzt sieht, sofern man nicht einfach Autist sein kann. Womit ich übrigens nix gegen Weihnachten gesagt haben wollte: Die militante diesbezügliche Ablehnung finde ich genauso stumpfsinnig, wie die debilen Weihnachtskitschorgien, die ihr zum Anlass dienen ... und schon wieder abgeschweift, also: Dolle Scheibe, gefällt mir sogar besser, als die legendären "Hairway to Steven" und "Electric Larryland" (die ja vermutlich sowieso nur wegen der genialen Titel die bekanntesten BS-Platten geworden sind), sozusagen Qualitätstanzmusik für die beiden Ränder der Intelligenzverteilung.
 

Feedtime:

feedtime + suction

Noch viel unbekannter, als es Feedtime geblieben ist, kann eine erstklassige Band eigenlich kaum sein. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, den Namen dieser Band jemals in irgendeinem Druckerzeugnis gelesen oder in Funkundfernseh gehört zu haben, und selber bin auf die nur gestoßen, weil es so circa. 1990 in Heilbronn (!) für kurze Zeit einen sehr guten Plattenladen gab, dessen Besitzer mir eine Feedtime-Platte aufschwatzte. Zurecht tat er dieses und hätte mir allein damit schon Grund genug gegeben, seinen Laden als Vorbild für die Arbeitsstätte meines Hergöttle-Helden zu gebrauchen - aber ich schweife ab ... also Feedtime: Weithin unbekannte austalische Band der 80er Jahre, die auf ihren LPs allerfeinsten Qualitätskrach produzierte. Wenn ich nun beschreiben sollte, wie die klingen, dann würde ich mir mangels besserer Texteinfälle damit behelfen: Sozusagen das musikalische Bindeglied zwischen den frühen Wire und den Queens Of The Stone Age. Ein satter Brummton erfüllt meine Gemächer, wenn ich das abspiele, und wenn ich ihn lange genug höre, dann erzeugt er mir die Illusion, es könne vielleicht schon ausreichen, einfach nur ein Mann mit intakten Eiern zu sein ... oder so ähnlich! Zudem schätze ich sehr den stilsicheren Verzicht auf irgendwelches Rockdeppen-Brimborium, mit dem normalerweise Bands daher kommen, deren Musik derartige Männlichkeitseinbildungen bedient. Gottseidank gibt's die obige CD im Handel, auf der immerhin zwei der Feedtime LPs, die ich leider nicht mehr habe, drauf sind. Und übrigens bilde ich mir ein, neulich irgendwo gehört zu haben, dass die sich wiedergegründet hätten ...
 

Half Man Half Biscuit:

Back in the D.H.S.S.

So macht Großbritannien Spaß! Ist das eigentlich Britpop? Mir ist ja nicht automatich alles sympathisch, was als solcher bezeichnet wird, ich brauche diesen endlosen Aufmarsch gut gestylter Melodienschmiede nicht wirklich! Half Man Half Biscuit jedenfalls erscheint mir nun als die im Grunde "britischste" Band überhaupt, die ich kenne, und mitsingkompatibel sind die meisten Songs auch. In zweierlei Hinsicht jedoch sind die absolut einzigartig, nämlich erstens durch den ja wohl unbestreitbar genialen Bandnamen und zweitens wegen der Flut skurril-witzigster Texteinfälle, mit denen sie dem Hörer das Hirnkastel überschwemmen. Da muß man einfach ganz bildungsbürgerlich den Texten lauschen und sich fragen, was um alles in der Welt das nun wieder heissen soll bzw. ob man es richtig verstanden hat. Und deshalb hat man gelernt, was "gargoyles" sind und müßte nun nur noch wissen, wer "Bob Todd" ist, um die Erkenntnis "99 percent of gargoyles look like Bob Todd" in vollem Umfange nachvollziehen zu können - es bleibt also ein Geheimnis. Beziehungsweise: Schlicht der Spaß, das ab und zu wieder mal anzuhören.
 

John Cale:

Circus Live

Es gibt da eine Dame in meinem engeren Bekanntenkreis, die hat mir diese neueste Live-Doppel-CD von John Cale zum Geburtstag geschenkt, so wie sie es seit Jahren mit allen neuen Cale-Werken zuverlässig tut. Nun muss dazu erklärt werden, das man einstmals durchaus ... äh ... enger liiert war und dabei unter anderem auch vereint in gemeinamer Velvet-Underground-Anhängerschaft, in selbiger allerdings wiederum sozusagen konfessionell getrennt in der hauptsächlichen Verehrung jeweils nur eines der beiden Masterminds Lou Reed (siehe auch unten) versus John Cale. Sie also ist der Cale-Fan, der ich eigentlich nicht bin, denn meinem einfach gestricktem Geist ist da schlicht zuviel Musikstipendiatengedudel im Caleschen Solowerk - ganz abgesehen von den nicht zu verleugnenden dollen Sachen, die er auch ohne das geniale Songwriting des wahren Meisters schon hervorgebracht hat. Immerhin aber qualifizieren mich diese Voraussetzungen zum Adressaten der Cale-Neuerscheinungs-Geschenke, in denen sich eine fast schon anrührende Treue zum Caleschen Schaffen ausdrückt. Ich erwähne nun aber diese mir geschenkte CD hier nicht darum, weil mich die besagte Anrührung schon soweit getrieben hätte, diese Treue solchermaßen auch einmal würdigen zu wollen, sondern schlicht deswegen: Gefällt mir sehr, nämlich die erste der beiden CDs! Doch doch, das hört auch der alte rocklastige Simpel gern. Und sehr schön ergänzen die hier gespielten Versionen der Velvet-Klassiker die Reihe der Einspielungen derselben, die von VU/Reed/Cale bereits vorliegen - allein schon deswegen lohnt die Platte. Also: Geht doch, Johnny Viola!
 

The Flaming Stars:

Named and Shamed

Diese Band, auf die ich ganz zufällig gestossen bin, könnte eigentlich viel bekannter sein, als sie tatsächlich ist. Denn im Grunde liefert sie den passenden Soundtrack zum Alltagserleben des nicht mehr jungen Mannes, der sich einst auf Punk- und Indiekonzerten rumgetrieben und dem das, vom Tinnitus einmal abgesehen, nicht geschadet hat. Jetzt entdeckt dieser Mann, dass vielleicht der beste Teil schon vorbei ist, und dass er nur die Hälfte dessen, was er mal hat erreichen wollen, auch tatsächlich bekommen hat - und das macht ihn ab und zu ein wenig traurig. Und dazu passt dann, wie gesagt, der Ton der Flaming Stars ganz gut: Wohldosierte Schwermut, entschärft durch gelegentliche Einstreuung lustvollen Geschrammels. Musik für den Alkoholkonsum zu später Abendstunde.
 

Attwenger:

Dog

Und wieder mal: Attwenger! Alles, was mir schon zu "Luft" einfiel (siehe unten), würde mir jetzt zu "Dog" genauso einfallen, wenn ich's nicht schon längst so aufgeschrieben hätte. Nur mit noch ein paar Ausrufezeichen mehr dahinter, sozusagen. Attwenger waren eine Band, die mit einem ganz und gar eigenen, unverwechselbaren Stil begonnen hat, der mir aufregend genug in den Ohren dröhnte, um das sofort ins Herz zu schliessen. Danach haben die sich, wie ich finde, niemals einfach nur wiederholt, sondern sich beständig "weiterentwickelt" - und bei Vielen, die stark beginnen, bedeutet das nur: Es wird langweilig, es folgt mehr und mehr lahme Handwerkskunst und immer weniger Ausdruck. Nicht so bei Attwenger: Jede Platte noch besser, jede bringt mehr und verliert dabei doch nicht den originalen Attwenger-Ton. Grossartig! "Dog 2" ist auch schon raus und wird baldigst angeschafft. Nochmals Glückwunsch, Österreich!
 

Joy Division:

Unknown Pleasures

Nun mal ehrlich: Muss ich hier erklären, warum ich die immer mal wieder mit sicher wiederkehrender Begeisterung anhöre? Nö, muss ich nicht. Ewigwährendes Meisterwerk halt, nix für Abba-Hörer!
 

Shellac:

1000 Hurts

Shellac ist eine von den Lieblingsbands, die ich nur selten anhöre. Weil: Wir bewegen uns hier in den Gefilden des hochentwickelten Lärms, und d.h. einer musikalischen Mixtur, die nur sparsam dosiert genossen werden sollte. Denn ansonsten droht Adaptation und dann funktioniert das nicht mehr. Also nur ab und zu mal diese Dröhnung, dann reagiert das ZNS! Jedenfalls ist im Reiche des Lärms Steve Albini - das Mastermind hinter Shellac und manchem Indiemusikanhänger immerhin als "Producer" bekannterer Bands bekannt - ein König, dessen Größe mein hinterwälderisch verstockter Geist so lange nicht begreifen konnte, dass ich seine erste Band Big Black praktisch verschlafen habe. Dankenswerterweise wurde ich dann von einem echten Durchblicker irgendwann so ca. 1990 in ein Konzert der Shellac-Vorläuferband Rapeman gezwungen - und dieses einmalige Erlebnis hat mich endlich auf den rechten Weg gebracht: Big Black, Rapeman, Shellac - allesamt großartige, erhabene Krachmusik! Und von all den Meisterwerken, die unter diesen Bandnamen hervorgebracht wurden, ist 1000 Hurts mein persönlicher Favorit. Nämlich insbesondere wegen eines einzigen Songs: "Prayer" - einfach mal anhören, dann verstehen Sie schon, warum.
 

Lou Reed:

Berlin

Nach 20 Lebensjahren zwar gelegentlich schwankender, aber insgesamt intensiver Lou-Reed-Begeisterung hat sich mir diese Platte als das eigentliche Hauptwerk des Meisters offenbart. Man muss vermutlich auch zunächst einmal so manchen Scheiß weggehört haben, um ausgerechnet die gut zu finden, zumindest aber muss man anfangen, auch auf die Texte zu lauschen (was ja ansonsten oft von Übel ist) - "Berlin" erzählt nämlich eine Geschichte, und die könnte auch eingefleischte Frohnaturen eines Besseren belehren. Also: Selbstverständlich braucht man auch die Velvet-Platten, sowie "Transformer", "Coney Island Baby", "The Blue Mask", "Songs for Drella" etc., und mit "Metal Machine Music" lassen sich ungebetene Gäste schnell und zuverlässig vergraulen, mein persönliches Highlight aber ist "Berlin". Übrigens, als Empfehlung für all jene, die das Glück haben, ab und zu den Tag schweigend und nicht in Gesellschaft redseliger Geschmacksneurotiker, sowie mit ausreichend freier Zeit beginnen zu dürfen: Bei einem in sich gekehrten und den kommenden Tagesereignissen noch entrückten Frühstück ist "Berlin" besonders gut anzuhören.
 

Kick Joneses:

Tales of Discontent

Paradoxerweise fällt es besonders schwer, sich für die Platten von Freunden zu begeistern, denn im Grunde enthält die Begeisterung für Popmusik immer auch Verehrung für das dahinter steckende Mastermind und ist eine gewisse Distanz wiederum die unverzichtbare Voraussetzung solcher Verehrung. Wenn man sich nun also das Werk des guten alten Kumpans anhört, so fehlt dabei diese Verehrung, denn man empfindet bereits von vorneherein viel mehr - nämlich eben diese Kumpanei (gewissermaßen das höchste der Gefühle). Und kann man sich, wenn man's dann gut findet, eigentlich sicher sein, ob man's nicht darum für gut befunden hat, weil man's von vorneherein gut finden wollte bzw. ob das Gutfinden selbst in diesem Falle nicht wiederum nur die alte Kumpanei ist? Jedenfalls, nachdem ich die Sache nun solchermaßen kompliziert habe: Diese Platte, an der ein guter alter Kumpan (Hallo Beppo!) nicht unwesentlich mitgewirkt hat, ist sehr gut! Ist nämlich das feinsinnige Werk in Würde gealterter und zu popmusikalischen Meistern gereifter Punkrocker auf der Höhe ihrer Schaffenskraft! Wer mir das nicht glaubt, wer's für freundschaftliche Lobhudelei hält, der soll sich halt die Platte kaufen!
   

PJ Harvey:

Is This Desire?

Dochdoch, die höre ich derzeit ziemlich oft! Hat lange bei mir rumgelegen, da ich mich eigentlich mehr für die krachigere „Rid of me" begeistern konnte. Und bei manchen Songs auf der Platte ist mir auch zuviel von dem Gejammer dabei, welches die trotzdem und insgesamt von mir hochverehrte Frau Harvey leider auch ganz gerne anstimmt. Jedoch: Der Titelsong und "Catherine" haben es mir angetan! Man wird halt alt, man legt sich nachts ins Bett und braucht noch Töne, zu denen es sich an die dunkle Decke starren lässt und die einem irgendwie die Erinnerung heraufbeschwören an das, was man vor 20 Jahren für die Zeit in 20 Jahren erträumt hat. Warum eigentlich? Keine Ahnung! Mit Vernunft hat das jedenfalls nichts zu tun!
   

The Stranglers:

No More Heroes

Vor kurzem überfiel mich in den Geschäftsräumen meines lokalen CD-Händlers die Eingebung, mir diese Platte „nachzukaufen". Denn in jungen Jahren, lang ist's her, war ich schon einmal expliziter Fan der Stranglers und besaß die natürlich auch "auf Vinyl". Irgendwann war sie mir dann langweilig geworden und irgendwie aus meinen Besitztümern verschwunden - und jetzt die atemberaubende Wiederentdeckung: Das ist auch heute noch hörbar! Ein Meisterwerk des ungnädigen Blicks - nämlich auch dann noch, wenn man die Hits, die man früher bereits bis zum Erbrechen gehört hat (z.B. den Titelsong) überspringt und sich auf Stücke wie "Bitching" und "English Towns" konzentriert. Übrigens auch ideal für den Discman am überfüllten Badestrand, zur unauffälligen Wahrung sozialer Distanz!
   

Attwenger:

Luft

Tja, was soll ich dazu sagen? Gefällt mir sehr! Als mir vor vielen Jahren der Zufall die Attwenger-CD "Pflug" in die Hände spielte, da war ich erstmal baff, denn ich hörte darauf ganz aufregende Klänge aus einer musikalischen Weltgegend, die Leuten meiner Musiksozialisation normalerwise als Reich des Bösen schlechthin gilt - nämlich solche, die man wohl irgendwie der alpenländischen Folklore zuordnen muß. Und somit erschienen mir diese beiden Attwenger-Burschen als wackere Guerrilleros wider die in jenen Gefilden bestehende Terrorherrschaft subhumanoider Pseudofolkloreschmalzmutanten - welche mich freilich nicht weiter tangierte, denn was kümmert's mich, welchen Scheißdreck sich andere anhören, solange das nicht aus allen Ecken dröhnt, an denen ich vorbeikomme (in dieser Hinsicht war damals z.B. Phil Collins eher mein Problem) ... Jedenfalls: Solchemaßen positiv für Attwenger voreingenommen, besuchte ich im letzten Herbst deren Konzert hier in Heidelberg, aufgrund gewisser Vorberichte allerdings befürchtend, dass die Band mittlerweile zum Jazz konvertiert sei. Usw., usf., Fazit: Ganz große Band, Glückwunsch Österreich! Auf "Pflug" weniger alpenländisch und mehr ... ja, was eigentlich? ... attwengerisch eben. Habe, angeregt durch das Abhören dieser CD inzwischen sogar mein altes Akkordeon, welches ich seit 20 Jahren nicht mehr benutzt habe, wieder ausgegraben und zu bespielen versucht - muss ich noch mehr sagen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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